Weisheiten eines erkrankten Triathleten

 

 

Über das Training, den Geist & den Körper

 

Wenn du eine frühe und extensive Koppeleinheit planst, die voraussieht, dass du um 5:00 morgens voller Elan aus dem Bett springst, iss am Vorabend eine späte, nicht zu leicht verdauliche Mahlzeit. Genieße dein Feierabendbier, denn “Das wird ja wohl noch erlaubt sein!”. Sieh dir in Ruhe mindestens 2 Folgen deiner gehaltvollen und unverzichtbaren Lieblingsserie an. Geh nach 23:00 ins Bett, ohne etwas fürs morgige Training vorzubereiten. Jetzt noch ein paar Seiten lesen, du brauchst 10 Minuten um die Stelle zu finden, an der du gestern Nacht aufghört hast und schläfst dann mit dem Buch in der Hand ein. Es bleiben dir also ausreichende 5,5 Stunden unruhigen Schlafes, völlig genug vor einer 6-stündingen Koppeleinheit.

 

Plane deine vormittäglichen Einheiten immer so, dass dir im Anschluss mindestens 15 Minuten bleiben um dich zu duschen, umzuziehen und in Ruhe zu essen. Danach packst du noch konzentriert deine Tasche und ab zum Bahnhof. Es bleiben dir 12 Minuten bis der Zug abfährt. Mit Maximalpuls am Rad und ohne rote Ampeln (oder zumindest, ohne an roten Ampeln stehen zu bleiben), hast du die Strecke schon einmal in 10 Minuten geschafft. Also wieder ausreichend Zeit! Natürlich hast du noch kein Zugticket und die Handyapp hängt wieder einmal.

 

Dein Trainingsplan hat immer recht!

Knieschmerzen aufgrund vieler langer Läufe? Halsschmerzen? Schnupfen? Klingt nach guten Gründen um umso intensiver weiterzutrainieren, erholen kannst du dich immer noch nach dem Training, beim Unterrichten, Proben, Turnen mit dem Kind, Abwaschen, Kochen, Putzen, Brotbacken etc. - dein Leben ist abseits des Sports ohnehin viel zu entspannt!

 

Erstelle einen engen Jahresplan, ohne auf jegliche Erholungspausen Rücksicht zu nehmen. Die Fülle an verlockend klingenden Wettkämpfen überwältigt dich? Melde dich einfach für alle an, auch wenn es zeitlich und finanziell beinahe unmöglich scheint, vergiss’ nie: Dein Erfolg als Athlet wird stets an der Menge der absolvierten Wettkämpfe gemessen.

 
Unterbiete immer deinen persönlichen Rekord!

Die Strecke ist etwas länger, hügeliger und windiger? Das ist kein Grund im heurigen Jahr nicht deinen persönlichen Halbmarathonrekord zu knacken. Wenn es dir nicht gelingen sollte, stelle unumgänglich alles in Frage und qäule dich tagelang mit nagenden Selbstzweifeln. Das ganze Training war völlig umsonst!

Über die Ernährung

Du hattest bereits als Kind Probleme mit kohlensäurehältigen Getränken? Als Triathlet führt allerdings kein Weg an Cola entlang der Laufstrecke vorbei. Alle machen das so, alle! Obwohl es im Training nie so recht klappen wollte, trink’ einen ganzen Becher Cola - unnverdünnt! - auf den letzten 12km deines ersten Ironman und hol’ dir dadurch einen letzten Kräfteschub. Quäle dich anschließend gehend die Strecke entlang. Ziehe keine  voreiligen Schlüsse daraus, beim nächsten Wettkampf wirst du es wieder versuchen!

Dein erster Marathon

Du bist noch nie mehr als 21km gelaufen und hast gerade erst damit begonnen ein wenig ins Triathlontraining zu schnuppern? Gratuliere! Jetzt ist der richtige Augenblick gekommen um dich für einen Marathon anzumelden. Du leidest zusätzlich gerade unter einer qäulenden Stirnhöhlenentzündung? - umso besser! Frühstücke ausgiebig; schließlich hast du dich gut informiert und gelesen, dass die ausreichende Versorgung mit Kohlenhydraten essentiell für deinen Rennerfolg ist. Ein geeignetes Frühstück könnte so aussehen (selbst getestet - leider kein Witz!): 2 große Ciabattas mit ausreichend Butter und Preiselbeermarmelade, 2 (sic!) weichgekochte Eier, eine Schüssel Müsli, 1,5 Liter naturtrüber Apfelsaft. Am Weg zum Start wird dir bereits ein wenig übel. Macht nichts, das vergeht bestimmt auf den ersten Kilometern. Starte viel zu schnell, um dir einen guten Platz im vorderen Drittel zu sichern, auf den letzten Kilometern kannst du noch immer ganz nach vorne sprinten. Nach 28km platzt du und gehst unter Magenschmerzen und unerträglicher Übelkeit 4km zurück zum Start. Dort angekommen, lege dich auf eine Wiese - idealerweise vorm örtlichen Opernhaus - und übergib dich hinter dem Monument eines Komponisten. Ein weiterer erfolgreicher Wettkampf! Gratuliere zu deinem ersten Marathon - du kannst getrost stolz auf dich sein!

 

 
Setze dir realistische Ziele!

 

Wenn deine Eltern wieder einmal zum Wettkampf in weiter Ferne angereist sind und gerne eine ungefähre Prognose deiner Zielankunft hätten, errechne deine Gesamtzeit anhand deiner bisherigen Bestzeiten. Du bist im Becken schon einmal 1000m in 16 Minuten geschwommen? Die 1900m sollten sich dann locker in 30 Minuten ausgehen, zumal die Schwimmstrecke aufs offene, wellige Meer hinausführt, also quasi Heimvorteil. Auf flacher Strecke mit Rückenwind fährst du einen lockeren Schnitt von 40km/h, somit solltest du die 90km trotz der 1500hm deutlich unter 2:30h radeln können. Und deine Halbmarathonbestzeit liegt ohnehin im Traumbereich von 1h25’, eine Zeit, die du trotz aller vorangegangener Strapazen ohne Probleme reproduzieren können wirst. Sicherheitshalber rechnest du noch einmal 10 Minuten Puffer dazu - eventuelle Klopause o.ä. - und voilà: Eine Traumzeit von deutlich unter 5 Stunden steht euch allen bevor.

Dass du schlussendlich nach nur 4km auf der Laufstrecke leidgeplagt zum Start zurückhinkst und dich neben das Erste Hilfe-Zelt legst, während deine Eltern zähneknirschend und nägelbeißend auf deine Ankunft im Ziel warten, zeigt dir umso mehr, wie goldrichtig du mit deiner Einschätzung lagst.

 

 
Wundere dich darüber, wohin dein Geld verschwindet! 

Nenngelder für 4 Laufveranstaltungen & 5 Triathlonevents, davon 4 außerhalb deiner Heimatregion, d.h. Benzin, Maut, Unterkunft (für alle 3 Familienmitglieder), Essen, Eintritte in Bäder, Gondelfahrten, Sommerrodelbahntickets - schließlich sollen auch dein Kind und deine Frau etwas von der ganzen Sache haben. 

Reserveschläuche und -reifen, Schwimmbrillen, Pullboy, Paddels, mehrere Paare Laufschuhe (neutrale, eher neutrale, weniger neutrale, gestützte, profilierterer, wasserabweisende, atmungsaktive), Sportsonnenbrille(n), Aerohelm, Trainingshelm, eine Badehose aus Australien (um gut auszusehen), eine von adidas (um schnell auszusehen) u.v.m.

Sollte dich der Blick auf dein Konto am Monatsende ernüchtern, suche auf einschlägigen Fachseiten nach qualifizierten Verschwörungstheoretikern, die sich dem Onlinebanking und dessen Sicherheitslücken verschrieben haben. Irgendwo wird hier ohne dein Zutun massiv Geld abgesaugt!

 

Im Notfall. Wenn deine Tochter an einem viralen Infekt erkrankt und bis am Abend ein fiebersenkendes Mittel benötigt wird, bietest du als engagiertes Familienoberhaupt natürlich an, dieses umgehend zu besorgen. Der Weg in die Apotheke lässt sich hervorragend mit einem Lauf verbinden. Die Problematik, dass sich daraus nur eine ca. 8km lange, flache Strecke ergeben würde, umgehst du geschickt indem du vorher 2 Seen umrundest und mehrere Steigungen überwindest, die selbst für geübte Wanderer eine Herausforderung darstellen. Am Ende deiner Runde hast du Fieberzäpfchen besorgt und 24km in den Beinen. Du hast irgendwo gelesen, dein Immunsystem wäre unmittelbar nach solchen Anstrengungen besonders geschwächt? Keine Sorge: Für dich gilt das nicht. Deine Tochter kuschelt sich an, hustet und nießt dir ins Gesicht? Dein Körper wird es dir danken.

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